Textatelier
BLOG vom: 07.01.2010

Bözberg-Höhenflüge: Linden, Türme und Bergfinken-Invasion

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Die Linde von Linn AG auf dem Bözberg ist ein Baum der Superlative: Sie ist mit ihren rund 800 Jahren die älteste Linde und ihrem Stammumfang von 11 Metern und 22 Meter Höhe der gewaltigste Baum der Schweiz – ist also unter unseren Bäumen, was in Dubai der Burj Khalifa mit seinen 828 Metern Höhe ist: das höchste Gebäude der Erde. Am Tage von dessen Einweihung war ich auf dem Bözberg (Schweiz).
 
Die Natur weiss, dass man keine Turmbauten zu Babel oder zu Dubai in den Himmel bauen darf und beschränkt die Baumhöhen auf etwa 115 Meter (so bei den kalifornischen Mammutbäumen). Menschen aber wollen weit höher hinaus, sich Denkmäler aus Stahl, Beton und Glas schaffen, Symbole der Macht, des Reichtums. Und das kleine Emirat Dubai hat in den letzten Monaten gelehrt, dass die Krise manchmal kommt, noch bevor ein Wolkenkratzer ganz oben mit dem Kratzen anfangen kann.
 
Schon Babylon (im heutigen Irak) setzte städtebaulich Massstäbe, überragte angeblich alles an Grösse und Pracht, wollte einen Turm in den Himmel hinein bauen. Die Stadt am Euphrat begann wohl bereits 4 Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung zu zerfallen, weil Kämpfe mit Assyrien, später mit Persern und anarchische Zustände Babylonien schwächten, besonders nach dem Tod von Alexander dem Grossen (323 v. u. Z.). Was davon neben der heutigen babylonischen Sprachverwirrung (Folge von fluchtbedingten Wanderbewegungen) von Babylonien noch übrig geblieben ist, dient seit 2003 den Amerikanern als Stützpunkt. Ihr Angriffskrieg im Irak hat neben Hunderttausenden von Toten auch unermessliche kulturelle Schäden angerichtet, wie überall, wo diese bankrotte Nation ihre Bombardements ohne Rücksicht auf Verluste veranstaltet. Wenn die Amerikaner da sind, ist der Tiefpunkt der Kultur erreicht. Das wird auch im Jemen so sein.
 
Natürlich zerfallen auch Bäume einmal, auch die Linde von Linn, ebenso wie die US-Allmacht. Linden sollen 300 Jahre lang „kommen“ (aufblühen, wachsen), 300 Jahre lang stehen bleiben und 300 Jahre lang zerfallen, sagt man. Das Höhenwachstum ist schon mit 150 Jahren abgeschlossen, das Wachstum in die Breite aber dauert fort. Nach diesem Schematismus ist der Baumveteran auf dem Bözberg (580 m ü. M.) in der Absterbephase, was sicher zutrifft. Doch obschon dieser knorrig-verworrene Koloss, der aus 5 Haupttrieben zu bestehen scheint, 1863 und 1908 durch Feuer beschädigt wurde, sind noch lange nicht alle Lebenskräfte aus ihm entschwunden. Und so ist es wohl richtig, dass der ehrenwerte Baum in der Person von Martin Erb, Baumpfleger in Frick AG, einen Beistand erhalten hat, der ihn versteht, ihn in Krankheits- und Unfallfällen versorgt.
 
Die ebenerdigen Höhlen im Stamm der Linner Linde sind mit Drahtgittern verschlossen, damit sie nicht als Kehrichtablagerungs- oder geschützter Feuerplatz zum Cervelatbraten missbraucht werden können. Daneben entwickelte sich der Baumstamm im Verlaufe der Jahrhunderte zu einer eindrücklichen Borken-Landschaft, die an einen erodierten, zerklüfteten Bergabhang erinnert. Er scheint nach aussen immer wieder eine neue Überwallung anzufügen, wenn immer eine solche seiner Standfestigkeit nützt. Bei meinem jüngsten Besuch der Linde am 04.01.2010 hatte sich in den Rindentälern neben gelben Flechten bei –8 °C etwas Raureifschnee abgelagert.
 
Die Wurzeln der Winterlinde (Tilia cordata) sind unterschiedlich dick; dünnere überkreuzen sich, bevor sie in den Boden abtauchen, um dort Wasser und Nährstoffe für den Baum aufzutreiben. Aus den Stämmen wachsen oben Nasen heraus, oder aber es gibt Einbuchtungen, und ein Gewirr von feineren Ästen erinnert da und dort an die buschigen, wuchernden Augenbrauen älterer Herren, deren Blick dadurch noch an Tiefenschärfe zulegt, Haar um Haar. Einer der grossen, fast senkrecht aufstrebenden Astarme scheint nur noch aus einer verholzten, konvexen Borke mit den rhombischen Gittermustern zu bestehen. Auch aus diesem Stummel wachsen Äste kreuz und quer, die bald wieder belaubt sein und beim Einfangen des Sonnenlichts mithelfen werden.
 
Gegen Mittag und unter blauem Himmel umrundete ich den Baum auf dem durchgefrorenen, leicht überzuckerten Boden in einiger Distanz, um die Form der Baumsilhouette zu erfassen, die eindeutig jener eines Winterlindenblatts gleicht: rundlich, herzförmig und oben leicht zugespitzt bis abgerundet. Ein Postauto drehte auf dem ausladenden Parkplatz bei der Linde, und als es am Baumriesen vorbeifuhr, wirkte es vergleichsweise wie ein Spielzeug.
 
Linden-Geschichten
Eine Orientierungstafel, von Martin Erb verfasst, erzählt aus der Baumgeschichte, die weitgehend im Nebel liegt: „Der Name von Linn taucht 1306 erstmals auf. Es ist wahrscheinlich, dass der Name auf eine Linde oder ein Lindengehölz zurückgeht. Ob die jetzige Linde bereits damals ein stattlicher Baum war und der Gemeinde den Namen gab, ist möglich, aber nicht eindeutig belegbar.
 
Der Legende nach pflanzte Ende 1668 der letzte Linner die Linde auf das Grab der durch die Pest dahingerafften Linner. Die Linde ist seither die Garantie dafür, dass die Pest nicht wieder ausbricht.
 
Bei den Germanen war die Linde der Göttin Freya geweiht. Die Göttin war die Liebesgöttin und Schutzgöttin der menschlichen Gemeinschaft. Unter der Linde fanden die Thingversammlungen statt. An diesen wurde auch Recht gesprochen. Nachfolgend tagte bis ins Mittelalter das Gericht unter der Linde.
 
Die Linde war und ist Treffpunkt des Ortes zum geselligen Zusammensein. Unter der Linde wurde getanzt, und sie war Treffpunkt der Liebenden. Eine Linde wird zur Geburt eines Kindes gepflanzt, am besten neben dem Haus, denn sie soll auch vor Blitzschlag und Dämonen schützen.
 
Der Linde wurden auch prophetische Eigenschaften zugeschrieben: ,Leit d’linde-n-ihr’s chöpfli ufs Ruedelis Hus, se-n-isch alli welten us.’ Das heisst, wenn der Schatten der Linde auf die gegenüberliegende Habsburg falle, sei die Welt zu Ende. Berechnungen haben jedoch gezeigt, dass zweimal im Jahr ihr Schatten in Richtung Habsburg fällt. Dies ist aber nicht wahrnehmbar, da der Kernschatten gar nicht so weit reicht.“
 
Folglich geht die Erde nicht unter.
 
Unter der Linde sind 4 hölzerne Sitzbänke angebracht, auf denen man sich beruhigen kann, wenn man sich unkonzentriert, zerfahren fühlt. Aber es ist auch ein belebender Ort und beliebter Treffpunkt. So haben wir unter der Linner Linde am 01.10.2005 die Vernissage für Heiner Kellers Buch „Bözberg West. Landleben zwischen Basel und Zürich“ (Verlag Textatelier.com GmbH) durchgeführt ... weil bei der Linde Bözberg West beginnt: „Gegen Westen bilden die bewaldeten Juraberge Linner Berg, Zeiher Homberg und Strihen eine gebirgige Landschaft, den Faltenjura“ (Keller).
 
Linn
Offenbar fühlen sich viele Lebewesen dort hinauf gezogen, wobei jedermann einen Blick ins gut erhaltene Strassendorf Linn werfen sollte – ein Dorfbild von nationaler Bedeutung, weil der beidseitig geschlossen wirkende Gassenraum fast unverändert ist. Die gleich ausgerichteten, leicht gestaffelten Bauernhöfe mit den steilen, mit Ziegeln bedeckten Satteldächern stehen eng nebeneinander.
 
Bergfinken-Invasion
Linn steht etwas abseits der Bözbergstrasse, wie Gallenkirch auch. Bei der Abzweigung nach Gallenkirch hielten sich bei meiner Ankunft im Buchenwald mehrere Hundert Bergfinken auf; im Flug erkannte ich sie an den weissen Bäuchen und schwarzen Schwanzfedern. Hier fanden sie noch Bucheckern. Alle paar Jahre kommt es bei uns zu solchen Massendurchflügen. Die rundlichen Vögel liessen sich auf den Bäumen und auch auf dem Asphalt nieder. Die Strasse sah aus, als ob sie von eingerollten Laubblättern übersät sei. Ich hielt an, doch stoben die Tiere auseinander, gaben ein „ÄÄK“ von sich, flogen wieder heran und verschwanden dann aus meinem Gesichtsfeld. Offenbar waren sie aus den Nadel- und Birkenwäldern nördlich der Ostsee hierhin gereist, um nach einem Verpflegungshalt Richtung Südfrankreich und Nordafrika weiterzuziehen.
 
Vierlinden
Sie wollten offensichtlich diesem schönen Gebiet einen Besuch abstatten, genau wie ich auch, obschon Buchennüssli nicht meine Leibspeise sind. Eine solche hätte ich gern themengerecht im Hotel Vierlinden (1824 an der Bözberstrasse bei Unterbözberg) gesucht, das an jenem Montag leider Wirtesonntag hatte. Es ist an schöner Aussichtslage mit Blick ins Aaretal, der leicht verschleiert war. Beim Parkplatz hinter der gastlichen Stätte steht ein ebenmässiger, kegelfömiger, bald haushoher Mammutbaum (Sequoiadendron giganteum). Eine der 4 Linden vor dem Gasthaus, die wie die Kinder der Linner Linde anmuten, ist oben brutal geköpft, abgesägt. Weshalb es zu dieser Amputation kam, weiss ich nicht. Windeinfluss? So etwas kann den Linden – ebenfalls 4 an der Zahl – auf dem wuchtigen, schmiedeisernen Wirtshausschild nicht passieren. Um uns Menschen herum braucht es schon eine gewisse Härte.
 
Hinweis auf das Buch über das Gebiet Fricktal/Bözberg
Keller, Heiner: Bözberg West. Landleben zwischen Basel und Zürich“, Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005.
 
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